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Autorisierter Wortlaut zum inzwischen erschienenen Artikel der Sächsischen Zeitung vom 12.07.08
Der Kulturpalast muss für alle da bleiben
Dresden sollte seine beneidenswerte kulturelle Spiel- und Tagungsstätte, mit ihrer jetzigen Vielfalt von Veranstaltungen erhalten. Von Reinhard Fißler Ich bin ein enttäuschter Künstler. Enttäuscht darüber, dass der Kulti, der Dresdner Kulturpalast, zum Konzertsaal für die Philharmonie umgebaut werden soll. So hat es der Dresdner Stadtrat gerade beschlossen, nach langer kontroverser Debatte. Das Tauziehen findet aber mit Sicherheit auch jetzt nach der Beschluss-Fassung kein Ende - was ich sehr hoffe. Bei der Fülle der aufeinander geprallten Argumente liegt die Wahrheit darüber, was nun das Beste für den Palast und für Dresden ist, wohl irgendwo in der Mitte, wo man sich hoffentlich immer wieder trifft. Ich will mich nicht darüber beklagen, dass ein von mir wohl zu spät eingereichtes Gesuch, das ambitionierte Künstler-Argumente ins politische Gehör bringen sollte, beim Dresdner Oberbürgermeister kaum Beachtung fand. Ich finde es nur sehr bedauerlich, keine Antwort, nicht einmal eine kurze unbegründetete Abfuhr erhalten zu haben für ein uneigennütziges, ambitioniertes Schreiben. Auszüge aus diesem Gesuch möchte ich nachträglich der Öffentlichkeit mitteilen: Die Orgel von Bach bis Beat Ich hatte im Frühjahr 2008 einen Auftritt im ausverkauften Kulturpalast, gemeinsam mit dem Musiker und Komponisten Günther Fischer und dem Sänger und Entertainer Thomas Putensen mit seiner kammermusikalisch unterstützten Jazz-Rockband. Es war ein sehr erfolgreiches Konzert mit Zugaben und Standing Ovations am Schluss, bei dem auch die Konzertorgel mit einer Variation der D-Moll Toccata von Johann Sebastian Bach zum Einsatz kam. Ein Konzert zur Erinnerung an den Sänger und Schauspieler Manfred Krug. Es war ein Ereignis, das positiv kommentiert wurde und Optionen für weitere Konzerte zur Folge hat. Auch dieser Erfolg macht klar, dass der Kulturpalast in den 40 Jahren seines Bestehens eine gut funktionierende Mehrzweckhalle ist, die mit vielseitigen Angeboten dem Anspruch des Publikums auf niveauvolle Unterhaltung gerecht wird. Auch der Architekt des Palastes, Wolfgang Hänsch, unter anderem aus diesem genannten Grund öffentlich gegen einen Umbau und eine andere Zweckerfüllung des Hauses, er spricht von einem "Schildbürgerstreich". Ich möchte für den Erhalt des multifunktionalen Kulturzentrums plädieren und aufrufen, sich an der Initiative "Kulturpalast für alle" zu beteiligen. Es sollte in geeigneten Ausschüssen unter Beteiligung kompetenter Personen erneut über das Für und Wider eines neuen Umbauplanes beraten und abgestimmt werden, mit Transparenz und unter Beachtung gefasster Beschlüsse z.B. über Bau- und Rekonstruktionsvorhaben des Stadtrates 2004. Zum Verständnis weiterer Argumente möchte ich aus der Zeit der Siebziger Jahre berichten. Nicht, um sozialistischer Kulturpolitik zu frönen oder guten alten Zeiten nachzutrauern, sondern um für die heutige Zeit durchaus gültige Zusammenhänge darzulegen, die den Palast betreffen. Anfang der Siebziger zeichnete sich in der internationalen Musikszene ein gravierend neuer Trend ab, geprägt durch Annäherung von Klassik, Rock und Jazz unter Einbeziehung unterschiedlicher ethnischer Wurzeln und neuer elektronischer Klänge und Sequenzer. Namen wie Carlos Santana, John McLaughlin, Weather-Report, Emerson, Lake & Palmer und viele andere tauchten auf. Mit ihnen etablierten sich neue populäre Musikrichtungen, die für uns Musiker, für Musik-Veranstalter und Hochschullehrer der Musik äußerst attraktiv waren. Es war eine große Herausforderung, so etwas zu präsentieren oder zu vermitteln, insbesondere im sächsischen Raum, der großen "Medien-Vakuum-Enklave". Aber gerade aus dieser relativ abgeschotteten Situation erwuchs eine besondere Kreativität bei den Musikern, die durch ambitioniertes Handeln von Hochschullehrern oder durch Angebote von Gastspieldirektionen und Agenturen bestärkt wurden. Und so kam es zu einer sehr prägenden Erfahrung, die ich Mitte der Siebziger mit der Band Stern-Combo Meißen unter real-sächsischen Bedingungen in der besonderen Atmosphäre des Kulturpalastes machen konnte. "Die Orgel von Bach bis Beat", hieß die Veranstaltung. Etwas in dieser Art könnte auch heute die Bedeutung des Palastes für eine bodenständige Kultur stärken. Ich meine unter den neuen, zeitgemäßen kapitalistischen Voraussetzungen, ohne diesen guten alten, schon fast vergessenen Trend und ohne die Zwänge der damaligen Zeit. Wir präsentierten in der festlichen Aura des großen Saales unter Einbeziehung der Konzertorgel erstmalig und mit großem Erfolg eigene rock-symphonische Bearbeitungen zu Werken von Bach, Sibelius und Mussorgsky. Das bestärkte uns sehr wesentlich in konzeptioneller künstlerischer Arbeit, die letztlich für uns als Art-Rockband imageprägend wurde. Auf ähnlichem Weg gründeten sich auch Art-Rockbands wie Lift und Electra. Auch sie begannen in den 70ern mit ersten großen Konzerten im Kulturpalast. Electra, Stern-Combo Meißen und Lift präsentieren seit 1997 gemeinsam das Fusionsprojekt "Sachsendreier" und pflegen ihre Legenden. Kampf gegen Windmühlen Sie werden jetzt vielleicht sagen: "Aber Herr Fißler, das ist längst Geschichte." Ich kann dazu nur sagen: Ja, es ist Geschichte. Vielleicht führen Sie ja auch ins Feld, nun ja, das war damals im Sozialismus so, das läuft nicht mehr. Da kann ich auch nur sagen: Ja, das war damals im Sozialismus so, das läuft nicht mehr. Diese Art Konversation könnte immer so weiter gehen. Es ist ein nicht enden wollender Kampf eines Don Quichotes wie mir mit seiner gebrochenen Lanze auf seinem Pferd Rosinante mit den vier hinkenden Beinen guter alter Geschichten aus den Siebzigern. Einem Don Quichote, der gegen die Windmühlen der Realpolitik ankämpft. Mühlen, die sich naturgemäß nach dem Wind drehen, den Böen der Kreativität und Spontaneität, den Stürmen und Flauten der Trends, den beständigen Stömungen von Traditionen und Bodenständigkeit, den Jet-Streams der globalen Pop-Kultur. Ich bin und bleibe ein Don Quichote mit dem etwas wahnsinnigen Ziel, meine geliebte Dulcinea, den Kulturpalast, so wie er im Wesentlichen ist, zu beschützen. Was die Spatzen zwitschern Andererseits betreiben bestimmte Lobbyisten - beinahe wie eine Art Sport - mit allen Mitteln das Ziel, den Kulturpalast umzubauen, entgegen aller Proteste und nicht von der Hand zu weisender Argumente der Vernunft. Ich möchte nicht ungenau und pauschal werden, wo Spatzen von Dresdens Dächern schon reichlich gezwitschert haben. Wer weiß schon genau zu sagen, ob die Akustik im großen Saal des Palastes wirklich recht gut ist, wie Herbert von Karajan 1978 lobend feststellte. Ob in anderen Metropolen die Alternative heißt: Weg von Ein-Zweck-Konzerthallen hin zu Mehr-Zweck-Hallen. Ob der Kulturpalast asbestkontaminiert ist und deshalb sowieso abgerissen werden muss. Ob die Philharmonie Dresden mit etwa 60 Konzerten im Jahr mit je etwa 1200 Besuchern und etwa 60 Proben den Palast zum größten Teil allein beanspruchen sollte. Bisher wird der große Saal mit seinen etwa 2400 Plätzen jedenfalls zu 75 Prozent des Jahres von der Unterhaltungskunst ausgelastet. Ob das unter ökonomischen Gesichtspunkten dem Bürger zu verklickern ist, oder ob nicht. Ob dies geht oder das, ob jenes durchgeht oder auch nicht und ob es denn der Bürger auch versteht, ob er es auch will und was wird, wenn er es nicht will? Entschuldigen Sie bitte mein etwas ungereimtes Versmaß. Ich möchte mich auf gar keinen Fall lustig machen über eine so ernste und mit Sicherheit schwer zu entscheidende Sache. Meine Vision: Dresden erhält sich seine beneidenswerte, geniale, kulturelle Spiel- und Tagungsstätte, die mit ihrer jetzigen Vielfalt von Gestaltungsmöglichkeiten allen denkbaren Aufführunsansprüchen gerecht wird. Hier böte sich auch die Möglichkeit, bodenständige sächsische Kultur nachhaltig zu fördern. Es könnte zum Beispiel regelmäßig ernst zu nehmende Castings für sächsische Nachwuchsmusiker geben. Rekonstruktive Umbauten müssen natürlich sein, etwa in Sachen Brandschutz, einer attraktiven Gestaltung des Foyers und Verbesserung der Raumakustik des großen Saales. Ich hoffe sehr, dass der Kulturpalast nicht zum Zankapfel zwischen den Anhängern der Philharmonie und der leichte Muse, zwischen Vertretern der Unterhaltungsmusik und der ernsten Musik wird, vor allem nicht zwischen den Aktiven beider Bereiche, also Musikern, Komponisten, Textern, Sängern, Dirigenten, Bandchefs usw. Es ist zu befürchten, dass eine Annäherung von Klassik und Rock derzeit erschwert ist, nicht weil aus dem Trend der Siebziger längst eine gemäßigte Kontinuität geworden ist, sondern weil es in Dresden wegen besagter Debatte brodelt. Es wäre ja nicht schlecht, wenn Sänger, Persönlichkeiten und große Orchester mit Offenheit für stilistisch anderes unvoreingenommen miteinander los musizieren könnten. Auf jeden Fall war sich die Elbland-Philharmonie Riesa nicht zu schade, Ende der Neunziger gemeinsam mit der Stern-Combo Meißen, eine Konzerttour zu gestalten mit unserem Opus "Weißes Gold", mit dem "Frühling" aus Vivaldis "Vier Jahreszeiten" und unseren Rock-Hits. Immerhin bleibt mir, Kollegen und Freunde der Musik auf meine Weise aufmerksam zu machen auf einen Beschluss, der in meinen Augen zum Himmel schreit, wovon ich ein (neues) Lied singen kann, das den guten alten, etwas wahnwitzigen Don Quichote bei seinem Refrain begleiten mag: "Ach das sind ja die Windmühlen, ich dachte schon... es ist eben -- nur Politik -- was ist das schon... Na dann, Rosinante -- auf geht's auf ein neues!" Beitrag für die Sächsische Zeitung
Gedanken zum Thema »Umbau des Dresdner Kulturpalastes in einen Konzertsaal«
Von Karlheinz Drechsel Nach Einholung von Informationen über bisher Geschriebenes und Gesagtes zum Thema "Umbau des Dresdner Kulturpalastes in einen Konzertsaal" muß ich staunen, daß darüber noch immer diskutiert wird. Haben doch inzwischen so viele kluge und kompetente Menschen ihre fundierte, fachlich begründete Stellungnahme GEGEN einen Umbau abgegeben, daß die offensichtlich jede Vernunft ignorierende Absicht, das Vorhaben dennoch zu realisieren, absolut unverständlich erscheint. Man muß geradezu zwangsläufig vermuten, daß es dem Block der Umbau-Befürworter gar nicht um den eigentlichen Sachgegenstand, sondern um ganz andere Interessen zu tun ist. Warum eine halbherzige, die Zielstellung von vornherein nie ganz befriedigende, kostenintensive Umbau-Variante, anstatt völligen Neubaus eines allen baulichen, technischen und akustischen Bedingungen umfassend gerecht werdenden Konzerthauses? Damit fände auch eine seit vielen Jahrzehnten bestehende, echte Notwendigkeit für das traditionsreiche Konzertleben in Dresden - einer "Weltstadt der Künste" mit zwei sinfonischen Orchestern von Weltruf! - endlich ihre ideae Lösung. Wie ich hörte, gibt es hierfür schon ziemlich konkrete Gedanken, auch hinsichtlich der Finanzierung, bei der die öffentliche Hand so gut wie nicht belastet werden würde (!), und selbst ein geeigneter Baugrund ist bereits gefunden. Insofern ist es mir wahrhaft unerklärlich, warum ein derart verheißungsvoll und wahrlich optimal erscheinender Gegenentwurf zu dem als Konzertsaal von vornherein zur Unvollkommenheit verurteilten Umbau des Kulturpalastes nicht zu DEM Thema intensiver Beschäftigung und Diskussion gemacht wird! Es gibt noch einen zweiten Grund, der gegen den KP-Umbau in einen Konzertsaal steht: Das gesamte, enorm facettenreiche Genre der in Dresden von hohem Publikumsinteresse begleiteten UNTERHALTUNGSKUNST würde das hierfür einzig praktikable Haus verlieren. Was dafür auch immer als "Ausweg" erwogen wird, quasi zwischen Schlachthof und Messehalle, ist generell nur zweit- und drittklassiger Natur und kann den Kulturpalast mit all seinen Möglichkeiten (ganz abgesehen von dem 2400 Plätze umfassenden Zuschauerraum) auch nicht annähernd ersetzen, bleibt Interimslösung. Ich muß unwillkürlich an die Nachkriegsjahre im bombenzerstörten Dresden denken, als gezwungenermaßen Theater/Konzert/Unterhaltungskunst allein durch Interimslösungen weiter existieren konnten, - aber wollen wir uns in heutiger Zeit, mehr als sechs Jahrzehnte später, selbst verstümmeln!? Und wofür!? Das Internationale Dixielandfestival, dem ich mich naturgemäß besonders verbunden fühle, konnte seine internationale Wertschätzung als eines der bedeutsamsten Ereignisse seines Genres in der Welt, nur in Verbindung mit dem Dresdner Kulturpalast (wo es 1971 seine Geburt erlebte) als zentralen, von der Fachwelt vielbeneideten Veranstaltungsort erlangen. Ist das Festival inzwischen auch erstaunlich gewachsen und mit diversen Veranstaltungen auch an anderen Schauplätzen zu erleben, so sind doch die großen, internationalen Repräsentativ-Veranstaltungen (mit Fernsehen, Rundfunk, Schallplatte), die unverändert internationale Beachtung finden und in der Vergangenheit dem Dixielandfestival weithin seinen hohen Ruf eingebracht haben, allein im Kulturpalast durchführbar. Käme dessen bauliche Umgestaltung in einen Konzertsaal tatsächlich zur Ausführung, so ginge der Kulturpalast der Unterhaltungskunst im allgemeinen für immer verloren und würde sie im besonderen dem Internationalen Dixielandfestival - einem "gewichtigen Stück Dresden" - die Degradierung zum bloßen Stadtfest und die Verurteilung zu internationaler Bedeutungslosigkeit, letztendlich den Anfang vom Ende bescheren. Fazit: Dresden braucht beides, - den bewährten Kulturpalast UND ein neues Konzerthaus. Karlheinz Drechsel Träger der 2004 verliehenen Ehrenmedaille der Landeshauptstadt Dresden sowei des Bundesverdienstkreuzes am Bande » Unterschriftenliste « Aufruf |